Winter 2008-2009

Route:

Nördliche Panamericana (Chile) – Atacama Wüste –  nördliche Ruta 40 (Argentinien) – Laguna Verde & Colorada (Bolivien) – Salar de Uyuni – auf den Spuren Che Guevaras – La Paz – „Goldwäscher“ Mapiri Trail – Copacabana am Titicacasee – Buenos Aires

21.03.2009
Unsere Reise soll nun endlich weitergehen nach einem Zwangsstopp von 6 Monaten – alle Abschlussuntersuchungen bei Hans signalisieren freie Fahrt nach Südamerika! Von Kappeln aus, wo ich für die Behandlung ein wunderbares Zuhause bei Bentes Eltern hatte, bewegen wir uns langsam Richtung Süddeutschland und besuchen alle am Wegesrand liegenden Freunde und Familienmitglieder. Die Zwischenstopps sind kulinarisch wertvoll und nicht gerade kalorienarm.

Am 06.03.09 um 19.40 Uhr fliegen wir mit der Lan Chile (sehr emfehlenswert, aber jedes Kilo Übergepäck sehr teuer!) über Madrid nach Santiago de Chile & weiter per Inlandsflug (1 Std.) nach La Serena (470 km nördlich) – nach 20 Stunden sind wir endlich am Ziel. Dort wurden wir von unserem Schweizer Freund Daniel (www.jeeptour-laserena.cl) abgeholt und nach weiteren 2 Std. hatten wir unsere Autozollformalitäten in Coquimbo erledigt. Als schwerstgeschädigt vom türkischen Zoll erschien uns dies wie ein Wunder.

Als “Belohnung” haben wir uns mit Daniel und seiner chilenischen Frau Judith ein fürstliches Abendessen mit allen Frutas de Mariscos gegönnt.

Am nächsten Tag wird ein “Rundumschlag” im grossen Supermarkt getätigt und nach 3 Stunden Transfer mit Daniel erreichen wir den “Corral Andes” bei Hurtado – das neue Anwesen unserer Freunde Clark & Manuela. Die beiden sind selbst leider gerade für einige Monate mit ihrem Pickup in Patagonien unterwegs, aber der Verwalter erwartete uns bereits. Sie stellen uns grosszügigerweise alles zur freien Verfügung, so dass wir uns sofort in dem wunderschönen Ambiente heimisch fühlen

und von ihren beiden Hunden Dakar (deutscher Schäferhund – normalerweise gefürchtet) und Senta (Labradorhündin – verschmust) auf Schritt und Tritt begleitet werden.

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Wir verdauen erst einmal den Schreck über unser von den Ratten angenagtes Auto! Dank Clarks Fotos via Internet haben wir bereits einige Ersatzteile im Gepäck. Auf dringende Warnung von Dani, uns vor dem Hanta-Virus in acht zu nehmen (wird durch Ratten & Mäuse übertragen), wird das Auto bzw. der Motorraum erst einmal mit Chlorspray, Gummihandschuhen, Maske und viel Wasser desinfiziert. Die Realität sieht doch noch etwas schlimmer aus, als erwartet – die Ratten haben sich diverse Schläuche einverleibt – es fehlen teilweise einige Meter komplett! Besonders der weiche Schlauch der Scheibenwaschanlage hat es ihnen besonders angetan, wahrscheinlich durch den Alkohol im Gefrierschutzmittel.

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rattenzerfressene Teile

Nach 2 Tagen reinigen & schrauben ist unser Auto soweit bereit, dass wir nach La Serena fahren können, um diverse Werkstätten aufzusuchen (Klimaanlage füllen, neue Batterie kaufen etc.). Ohne Daniels tatkräftige Hilfe hätten wir mit Sicherheit mindestens für die Aktion eine Woche gebraucht – so ist alles nach weiteren zwei Tagen erledigt und es geht zurück zu “unserer” Hacienda (160 km).

In aller Ruhe bringen wir die letzten Verbesserungen an unserem Auto an, geniessen das tolle Wetter (Sonne, Shorts) und natürlich das Ambiente. Nach 10 Tagen soll unsere Reise jetzt endlich beginnen, aber der Abschied von “unseren” beiden Hunden und der Idylle fällt uns doch nicht ganz leicht.

Über ein Stück Pan Americana fahren wir zügig an die Küste gen Norden. Nach einer Übernachtung am Caletta Punta Choroz wollen wir es wissen und suchen uns eine Tiefsandpiste durch ein Dünengebiet entlang der Steilküste mit Blick auf den Pazifik- auf unserer Karte nur teilweise eingezeichnet – aber das Navisystem mit den russischen Militärkarten ist erstaunlich genau! Wir brauchen für ca. 130 km 2 Tage mit z.T. einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 10km/h. Einige Male stehen wir kurz davor, unsere Sandbleche einsetzen zu müssen, aber Dank der breiten “Schlappen” und der Diffferenzialsperren wühlen wir uns vorwärts.

Zum Aufwärmen für uns ist diese “Dakar für Arme” genau das Richtige. Alle paar Stunden treffen wir auf eine sehr ärmliche Hütte, in denen die Sammler der Seealgen wohnen – sehr begehrt in der  Pharmaindustrie (Cremes etc.).  Ansonsten wirkt die Küstenregion und der Pazifik hier lebensfeindlich und oft sogar bedrohlich. Wenn man die Brandungswellen sieht, denkt man unwillkürlich an Tsunamis. Die Geräuschkulisse gleicht der eines herannahenden D-Zuges und raubt uns teilweise nachts den Schlaf in unserem “Casa Rodante”. Nördlich von Huasco stehen wir in den Dünen und unser kleiner Inverter liefert den Strom für diesen ersten Bericht.

13.04.2009 Entlang der Küste nach Caldera lichtet sich endlich der feuchte tägliche Küstennebel und wir geniessen das erste Mal Sommerwetter. Am Frühstückstisch erwartet uns bereits der zahme kleine Wüstenfuchs und wartet auf seine Ration.

Von Caldera aus suchen wir uns auf dem Navi eine abgelegene Strecke nach Copiapo ins Landesinnere, die uns durch ein gigantisches Wüsten- bzw. Dünengebiet führt. Auf den Spuren der Dakar (sie sind noch gut zu erkennen) erklimmen wir eine hohe Düne – der Nissan schafft mehr, als wir dachten. Nur uns wird auf diesen hohen Dünen in der Einsamkeit mulmig. Hier steckenzubleiben bedeutet stundenlange Schaufelei.

So geht es zurück auf die Piste und wir erreichen die grüne Oasenstadt Copiapo – es gibt eine wunderschöne Plaza mit riesigen schattenspendenden Pfefferbäumen und einen Brunnen aus Carara Mamor. Wir quartieren uns in einem kleinen Hotel ein, gehen nett Essen und Hans bekommt seine 2. Hepatitisimpfung (natürlich haben wir das Twinrix in der Tasche).

Die weitere Strecke führt uns über 80 km Asphalt durch eine Mondlandschaft. Wir beschliessen, in Inca de Oro links von der Strasse abzubiegen und uns auf einer Offroadpiste durch die Berge zur Küste zurückzuschlagen – laut der Militärkarten kein Problem. Über 4 Stunden treffen wir keine Menschenseele und landen dann plötzlich in 3800 mtr. Höhe in einer kleinen Mine – die 6 Minenarbeiter haben uns schon an der Staubwolke herannahen sehen und empfangen uns sehr freundlich. Hier ist der Weg zu Ende (unsere Navi sagt zwar was anderes) und wir wissen jetzt, an welcher Gabelung wir falsch abgebogen sind und zurück müssen.

Abends erreichen wir den P.N.(Park National) Pan de Azucar und bleiben 2 Tage auf einem schönen leeren Campingplatz direkt an der Beach. Wir sammeln Muscheln, machen Strandspaziergänge und kaufen im Nachbardorf (10 verwahrloste Baracken) direkt von den Fischern frischen Fisch. Ein Teil landet sofort auf dem Grill, von dem anderen gibt es nächsten Tag “Ceviche”, ein hiesiger Fischsalat aus rohem Filet, Limettensaft, Öl, Zwiebeln und viel frischem Koriander. Es gesellt sich noch ein deutsches Ehepaar mit ihrem kleinen Truck zu uns – die ersten ausländischen Touristen, die wir seit der Abfahrt treffen.

In Tal Tal sehen wir uns wieder und übernachten zusammen an einer alten Goldmühle – leider finden wir keine Nuggets mehr im Mahlwerk. Der Ort überrascht uns mit bunten lustigen Holzhäusern (wie in der Karibik)und einer gepflegten Plaza. Die verfallene riesige Pier deutet auf vergangene ros(t)ige Zeiten hin.

Vom Frühstückstisch aus beobachten wir springende Seelöwen auf der Jagd wie auch sich ins Wasser stürzende Pelikane – ein Fischschwarm zieht durch und die Fischer können ihre Angeln fast nicht so schnell einholen, wie sie anbeissen.

Die Grossstadt Antofagasta passieren wir relativ zügig und nehmen eine Piste zum Salar de Atacama quer durchs Land. Es ist der Weg der Minenzubringer LKW’s! Rasant-  in eine Staubwolke gehüllt, als wenn es um ihr Leben ginge, donnern sie an uns vorbei.

Wir umfahren den Salar (ca. 80 km) westlich auf einer Schotterpiste und gelangen an den “Haupteingang” zum bekannten “Valle de la Luna” bei San Pedro de Atacama.  Die Pförtner sind erstaunt, dass wir durch den Hintereingang kommen- das erleben sie wohl nicht sehr häufig.

Der Tourismus hat unglaublich zugenommen (vor 4 Jahren gab es nur wenige Agenturen). Trotzdem treffen wir diverse Individualreisende mit den interessantesten Vehikeln:           Holländer mit einem Toyota Landcruiser und ihrem australischen ‘Offroadanhänger’, eine deutsche Familie mit zwei kleinen Kindern in einem Truck, ein spanisches Paar mit einem Toyota Pick up und einer amerikanischen Hubkabine von Alaska kommend auf dem Weg nach Feuerland und last not least Deutsche mit einem Leihpickup und Kabine auf 3-monatiger Chile/Arg. Tour. Endlich kommt unsere neue Stihl Motorsäge zum Einsatz: Hans sorgt für genügend Brennholz- das abendliche Lagerfeuer ist gesichert und fördert die gute Stimmung unter allen!

Über e-mail verabreden wir uns mit unseren Schweizer Freunden Renate & Bruno, die wir eine Woche später im Osten  Argentiniens treffen wollen. Wir beschliessen, die Anden auf dem Paso Sico zu überqueren – das Highlight auf unserer bisherigen Etappe – einfach eine gigantische Landschaft. Wir treffen den ganzen Tag ausser der letzten Carabinierikontrolle (3800 mtr.) auf keine Menschenseele und die neue Spiegelreflexkamera ist im Dauereinsatz! Zum Abend erreichen wir San Antonio de los Cobres (3850 mtr.) in einem dicken Unwetter – den pharadäischen Käfig unseres Zeltes wollen wir lieber nicht ausprobieren und übernachten in einer guten sauberen Hosteria mit b e h e i z t e n Zimmern. Luxus pur!

Unseren Plan, auf der legendären Ruta 40  nach Cachi zu fahren, müssen wir aufgeben – die Passage ist nicht mehr befahrbar (abgerutschte Piste). So wählen wir den Umweg über Salta  und erreichen abends das idyllische Dorf Cachi mit einem super Campingplatz,  auf dem wir 2 Tagen relaxen, denn danach  heisst es: Gas geben, denn 1400 km liegen vor uns!

Nach fast 3 Tagen Fahrt durch den argentinischen Chaco (endlose Mais-, Soja und Luzernefelder) erreichen wir Corrientes und decken uns im hiesigen Carrefour Supermarkt noch einmal mit Vorräten ein. Dann geht es die letzten 40 km nach Paso de la Patria, ein kleines Fischerdorf und Wochenenddomizil der Grossstaedter!

Grosses Wiedersehen nach einem Jahr – hier werden wir 2 Wochen bleiben! Das Gelände gehört einem belgischstämmigen Argentinier belgischer Abstammung, der sich über jeden netten Offroader- Besuch freut und uns sein Anwesen zur Verfügung stellt. Er lädt uns zu einem Trip mit seinem Powerboot auf den vor der Haustür fliessenden Rio Parana ein – wir sind begeistert über die Ausmasse (hier etwa 4 sm breit) und den Blick auf Paraguay am anderen Ufer.

Wir bekommen nebenbei auch noch ein ca. 4 mtr. langes sich sonnendes Krokodil zu sehen (!! – häufig hier) und der Badestop auf einer nahegelegenen Sandbank sei ungefährlich (laut der Einheimischen!). Wir gehen schwimmen und müssen aufpassen, dass uns keine im Sand vergrabenen Rochen stechen – alles ganz spannend und hier ganz normal! Mit dem letzten Licht der blutrot untergehenden Sonne brettern wir durch Mangroven, krachend zerhäckselt der Propeller schwimmende Palmenwedel und kurz vor dem Ziel landen wir unfreiwillig auf einer Sandbank, die sich durch den starken Strom laufend verändert. Die Schraube muss später mit dem Hammer gerichtet werden – das gehört hier zum Alltag. Warum sind wir eigentlich mit unseren Schiffen so pingelig – es geht doch auch anders?!

Die Ostertage werden gross gefeiert und so sind wir vier “Exoten” am Karfreitag zu dem traditionellen Familienfest eingeladen – es wird eine Dorade ( 40 kg! – nicht ungewöhnlich für diese Gegend) im Holzofen gegart – die Runde besteht aus 20 Personen. Wir revanchieren uns am nächsten Tag, indem wir seine Oldtimer, einen etwas verwahrlosten Mercedes, Bj.1936, waschen und polieren. Eine Pracht fürs Auge – eine Ausfahrt ist auch geplant.

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Am 19.04. werden wir uns auf den Weg nach Salta (gen Westen) machen, wo sich Hans seine vierteljährliche Infusion geben lassen muss. Vielleicht werden wir einige Privatstunden Spanisch einschieben und wollen dann möglichst zügig (ehe es zu kalt wird) in die Anden nach Westbolivien zum Salar (Salzsee) de Uyuni. Das spielt sich alles in der Höhe von 4000 mtr. und mehr ab (die Alpakadecke ist da unbedingt angesagt – unsere Schlafsäcke reichen nicht mehr aus). Wir müssen uns vor dem Paso de Jama ein paar Tage aklimatisieren und umgehen so auf jeden Fall die Feuchtgebiete mit dem z.Zt. herrschenden Denguefieber.
21.05.2009
Es geht wie geplant los- aber die Abschiedsfete am vorherigen Abend bis 3 Uhr morgens steckt uns noch in den Knochen. Wir müssen auf unserem Weg nach Salta den gesamten argentinischen Chaco durchqueren, in dem z.Zt. der Ausnahmezustand wegen des Denguefiebers herrscht. So beschliessen wir unterwegs, die 880 km in einem Rutsch durchzufahren, damit uns die Denguemücke nicht doch noch ins Bein sticht. Die Woche in Salta verrinnt sehr schnell – da Hans mit seiner Chemo etwas beschäftigt ist, mich eine Magen-Darm Infektion 2 Tage niederstreckt und wir eine Gruppe netter Mopedfahrer kennenlernen, mit denen wir abends ein bisschen was unternehmen.

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Versorgt und genesen machen wir uns auf den Weg in die Anden nach San Antonio de los Cobres (3800 mtr) und aklimatisieren uns zwei Tage lang. Nach einigem  Suchen finden wir das berühmte Viadukt der höchstgelegenen Eisenbahnstrecke (nicht mehr in Betrieb) der Welt – ein beeindruckendes Bauwerk! Es geschieht ein kleines Wunder – wir hören in der Ferne ein Pfeifen und es taucht tatsächlich ein Zug auf.

Bente hat das Bauwerk inzwischen bestiegen und ist bereit für ein Foto. Der Zug hält zu ihrem Erstaunen direkt vor ihr an und es springen diverse Lokomotivführer und Minenarbeiter aus den Waggons und bitten um ein Foto! Laut pfeifend verabschiedet sich die Lokt samt Crew nach Beendigung der Fotosession und damit alles seine Ordnung hat, werden noch Glücksbringer (weisse Papierschnitzel) aus den Waggons geworfen. Wenn man den Verlauf und den Zustand dieser Strecke näher beäugt, ist dieses auch dringend erforderlich.

Wir finden eine unbekannte Strecke, die uns direkt nach Susques (3900 mtr.) am Fuss des Paso de Jama führt. Nach einer Übernachtung sind wir gerüstet & fit, die Strecke nach Bolivien zum Laguna Verde in die einsamen Anden anzugehen. 10 Kanister a’5 ltr. sind mit Diesel gefüllt inklusive unsere beiden Armeekanister, denn die Versorgungslage in Bolivien soll nicht so sicher sein. Wir decken uns mit Brennholz ein, da die Temperaturen bis zu 20 Grad minus betragen. Vorsichtshalber haben wir unseren Diesel mit Frostschutzmittel versehen – man weiss ja nie!!

Über den jetzt vollständig asfaltierten Paso de Jama– an der höchsten Stelle ist er 4834 mtr. hoch- (vor 4 Jahren haben wir ihn mit den Motorrädern als übelste Schotterpiste in Erinnerung) reisen wir über Chile (klarieren aber nicht ein) nach Bolivien ein und befinden uns direkt am Laguna Verde. Es weht ein eisiger Wind bei strahlendem Sonnenschein auf 4400 mtr. Höhe und wir versuchen, einen geschützten Nachtlagerplatz zu finden, der uns ausserdem eine tolle Aussicht auf die türkisfarbene Lagune bietet. Im Hintergrund ragt der rabenschwarze Vulkan Licancabur (5916 mtr.) imposant empor. Wir grillen in atemberaubender Kulisse und versuchen, uns am Feuer zu wärmen! Um 20 Uhr überfällt uns dann doch die Kälte und wir verdrücken uns in unser Dachzelt mit allen verfügbaren Schlafsäcken, Fleecedecken & Alpakasocken!

Nach einer kuscheligen Nacht stellen wir morgens mit Erstaunen fest, dass uns aber auch Alles ( Wassersack, Gemüse, Eier …) eingefroren ist! Die Tomaten sind zu roten Steinen mutiert- nichts ist mehr zu gebrauchen. Morgens um 5 Uhr zeigt das Innenthermometer des Autos “nur” minus 15 Grad an! Nach einem Frühstück bei strahlendem Sonnenschein und “warmen” minus 5 Grad erleben wir erst die eigentliche Überraschung: unsere gesamten Dieselvorräte inklusive des vollen Tanks sind auch eingefroren (Dieselgelee in seiner reinsten Form!). Der Nissan seufzt mit einem lauten Wasseralarm  auf und quittiert sofort seinen Dienst! An der argentinischen Grenze haben wir wohl mehr Wasser als Diesel getankt!! Shit!!

Da standen wir nun  und guckten  dumm! Was nun? Unsere einzige Chance sahen wir im Aufwärmen des Diesels – also alle Kanister ab in die Sonne  und das Auto mit der Tankseite ebenfalls in die Sonne schieben bzw. rollen. Siehe da, der Diesel in den Kanistern verfärbt sich wieder in eine wunderschöne bernsteinfarbende Flüssigkeit! Diese  Prozedur verfolgen wir über 4 Stunden: warmen Diesel aus dem Kanister oben in den Tank einfüllen, kalten Diesel unten aus dem Tank in den leeren Kanister ablassen und in der Sonne erwärmen  (Volumen: ca. 180 ltr. Diesel, davon ca. 5 ltr. Schwund, die in Hans Kleidung versickerten)!! Nach vielen Entwässerungsaktionen von Filter & Leitung sind wir um 15 Uhr startklar und völlig fertig – die Höhe macht uns bei der Aktion doch etwas zu schaffen.

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Unser nächstes Ziel ist die “Laguna Colorada” (4400 mtr./ 3 Std.), wo wir uns nun zügig hinbegeben und auf dem Wege bei einem sehr freundlichen bolivianischen Zollbeamten auf 5040 mtr. Höhe an der chilen.-boliv. Grenze das Fahrzeug einklarieren. Die Lagune empfängt uns mit tausenden, wunderschönen Flamingos – die Unterkunft (eher schlechter als unser schönes Dachzelt), die wir in Anspruch nehmen, ist mehr als einfach – abends sitzen wir im ungeheizten Vorraum mit Mütze & Handschuhen und geniessen die heisse bolivianische frische Suppe mit einigen anderen europäischen Touristen, die eine 3-tägige Jeeptour von Uyuni gebucht haben. Hard Core!

Wir “tunen” unseren Tank und die Kanister mit zusätzlichem Frostschutzmittel und parken unser Auto windgeschützt – den Motor mit einer Wolldecke bedeckt und blicken zuversichtlich dem nächsten Tag entgegen. Da wir eigentlich zügig starten wollen, haben wir “Vollpension” in Anspruch genommen – d.h. morgens bekommen wir Spiegeleier, nur müssen wir die Eier selbst stellen – kein Problem, denn die Innentemperatur des Kühlschranks hält alles schön “warm”. Dann trifft uns der nächste Schicksalsschlag: wieder ist unser Diesel komplett eingefroren trotz all unserer Vorkehrungen.  Unter den argwöhnischen Blicken der Indios haben wir ja schon Routine in dem Prozedere! Gegen unsere Leihgebühr einer 13er Nuss  stellen sie uns einen 50 ltr. Kanister zur Verfügung – Diesel ablassen…aufwärmen!  Zu ihrem grossen Erstaunen läuft unser Nissan unter der kundigen Hand der “Gringos” nach 3 Stunden munter drauflos! Da hätten sie wohl jede Wette verloren.

Leider müssen wir daraufhin unsere Route ändern – es muss umgehend frischer Diesel her!! Wir steuern direkt den nächstengelegenen  Ort “San Cristobal” an – trotz unserer russischen Militärkarten verfahren wir uns diverse Male. Mit dem letzten Licht erreichen wir den Ort und quartieren uns  im einzigen Hotel  ein! Die wage Hoffnung auf eine heisse Dusche wird nicht erfüllt – unser neues Parfum heisst daher weiterhin  “Armani Diesel”. Als Entschädigung geraten wir in eine lustige Betriebsfeier einer Gruppe von Minenarbeitern (57 Personen beheizen auch einen Raum!) und erleben eine tolle bolivianische Musikgruppe mit heissen Rhythmen.

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Am nächsten Morgen läuft unser Auto ohne Mucken – es waren nur minus 8 Grad! Auf nach Uyuni zum grössten Salzsee der Welt! Kälte- und dieselgeschädigt quartieren wir uns im besten Hotel der Stadt ein und geben alle Klamotten in die Wäscherei! Auch die geschädigte Haut muss gepflegt werden ( Verätzung durch Diesel an den Armen). Frisch gereinigt, gecremt & gestärkt begeben wir uns auf die weisse Ebene des Salzsees – unvorstellbare Weite erwartet uns bis zum Horizont- wie auf dem weiten Meer. Zwei Tage und 450 km erkunden wir den Salar und ziehen in ein hervorragendes neues Hotel am Ufer des Sees, dass komplett aus Salz erbaut wurde.

Das Befahren des Salzsees erweist sich als sehr tricky – die weichen Stellen (“Ojos”- übersetzt;Augen) sollte man tunlichst meiden, da das Auto ansonsten gleich bis zum Chassi einsinkt – eine wunderbare Vorstellung! In Uyuni lassen wir es sofort gründlichst von der dicken Salzkruste reinigen. Auch wird der restliche Diesel komplett abgelassen – die “Werkstatt” stellt dafür die Badewanne ihres Babys zur Verfügung und bekommt dafür 70 ltr. Diesel geschenkt! Guter Deal und grosse Freude!  An der Tankstelle nebenan versucht der bolivianische “Tankwart”, unser Auto mit Benzin zu befüllen, was wir gerade noch verhindern können.  Mit Diesel stehen wir zur Zeit wirklich auf Kriegsfuss!!

Von einem netten belgischen Ehepaar bekommen wir eine gute Adresse in Potosi und machen uns auf den Weg dorthin. Die Hauptstrasse entpuppt sich als 200 km Baustelle in heftigstem Zustand. Wir brauchen dafür 6 Std.! In Potosi “campen” wir im Innenhof der “Hosteria Tarija” mitten im Zentrum – sicher und nett! Es gibt ein gutes französisches Restaurant und eine wunderschöne Plaza mit Museen im Kolonialstil. Nach zwei Tagen treffen die besagten Belgier Joss & Elly ein. Joss sitzt seit einem Betriebsunfall im Rollstuhl und auf dem Weg zum gemeinsamen Abendessen bemerken wir erst, wie schwierig es ist, eine südamerikanische Stadt mit einem Rollstuhl zu erkunden.  Wenn der Wille da ist, ist (fast)alles möglich- wir bewundern beide!! Es gehört eine ordentliche Portion Mut und Abenteuerlust dazu! Ob wir das auch könnten??

Nach zwei Tagen zieht es uns in die elegante Hauptstadt Sucre – der Inbegriff  weisser Gebäude aus der spanischen Kolonialzeit! Im “Hotel Austria” ist das Auto sicher aufgehoben – wir erkunden die Stadt und treffen einen Teil der Motorradfahrer aus Salta wieder – grosses Hallo und Kneipenbummel ist angesagt! Im Kulturzentrum nehmen wir an einem kulturellen Abend teil. Am Sonntagmorgen besuchen wir noch das Dinosauriermuseum

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und fahren weiter nach Tarabuco zum Wochenmarkt – bekannt für seine exquisiten Webarbeiten. Spontan kaufen wir uns als Andenken (das Erste dieser Reise!) einen grossen Teppich.

“Unsere Mopedfahrer” sind auch wieder vorort – wir bieten dem nicht mehr ganz jungen Engländer Richard (61 JAHRE!)

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Richard mit seinem Equipment

mit seiner BMW (auf Weltreise) an, gemeinsam weiterzufahren, denn auch er weiss den Luxus eines kühlen Bieres und einer guten Verpflegung nach einem anstrengenden Fahrtag zu schätzen.

Jenseits der normalen Touristenroute wollen wir den Spuren Che Guevaras folgen – entlang des Rio Grande nach La Higuera (Exekution von Che 1967!)! Das erweist sich als ein weiteres Highlight unserer bisherigen Reise, da die Landschaft einfach atemberaubend ist! Nach drei tollen Übernachtungen in der Wildnis Boliviens mit entsprechendem Lagerfeuer (dank der Stihl Motorsäge) erreichen wir das Dorf La Higuera.

Zu unserem grossen Erstaunen finden wir dort eine nette Möglichkeit, unser “Lager” aufzuschlagen – mit heisser Dusche & Candlelightdinner bei einem französischem Ehepaar! Die 2 obligatorischen “Wasch- und Erholungstage” bekommen uns Dreien hervorragend! Richard & wir entpuppen uns als perfektes Team – Gourmets, Geniesser und Outdoorfreaks unter sich!

Einstimmig beschliessen wir, unser Ziel Samaipata auf “Schleichwegen” zu erreichen – in Valle Grande bekommen wir von 5 Polizisten 5 verschiedene Antworten – den Weg scheint es nur sporadisch zu geben. Nach stundenlangen Fehlversuchen, Regen und Nebel in den Bergen kehren wir um und müssen doch die Hauptstrasse nehmen. Richard ist erleichtert – er sah seine BMW bereits im Schlamm oder Rio versinken. Der kleine Ort Samaipata empfängt uns in einem netten Ambiente an der Plaza und der bisher schönsten Campingmöglichkeit in Bolivien – der Finca “La Vispera” im Besitz des Holländers “Don Pieter”. Unsere belgischen Freunde Elly & Joss trudeln zwei Stunden später zufällig ein und wir verbringen viele gemeinsame Abende am Lagerfeuer.

Hier trennen sich die Wege von Richard und uns erst einmal (schweren Herzens), da wir ein gutes Reisteam geworden sind.

Wir packen unsere MTB’s aus und erkunden die ziemlich “hügelige” Gegend unter Begleitung des schrillen Schimpfens der Papageien – Hans’ Schnaufen wird so diskret übertönt (die Kondition ist noch weit von der des letzten Jahres entfernt- kein Wunder). Wir unternehmen einen Tagestrip zum 45 km entfernten Wasserfall “La Pajcha” und lassen uns leichtsinnigerweise von Joss & Elly mit unseren MTB’s absetzen – der Rückweg übersteigt fast unsere Kräfte, denn lange Steigungen (bis zu 20 % und 6 km lang) und lange Gefälle machen das Terrain schwierig. Mit dem letzten Licht erreichen wir die Finca – völlig am Ende aber glücklich – Joss & Elly standen schon mit ihrem Truck bereit, um uns zu suchen. Das grösste Steak war am Abend im Restaurant noch nicht einmal ausreichend! Wir können uns zur Zeit noch nicht von dem schönen Ambiente auf der Finca & Umgebung trennen – 3 Tage später erklimmen wir die Incaruine “El Fuerte” per MTB, ein tolles Revier – Hans ist schlagartig wieder in Topform (der heimliche Lungenturbo scheint wieder zu funktionieren). Vielleicht schaffen wir es nächste Woche, Richtung Santa Cruz aufzubrechen! Zeit zu haben ist doch wunderbar!!!

Zu unserer grossen Überraschung findet an diesem Wochenende in “unserem” Dorf Samaipata ein Lauf zur bolivianischen Rallyemeisterschaft statt. Alle sind in heller Aufruhr und wir sind an der Plaza zur Präsentation und an der Strecke in den Bergen mittenmang – Rallyesport zum Anfassen. Es gelingt uns sogar, Joss in seinem Rollstuhl in eine gute Zuschauerposition zu bringen.


08.06.2009
Unsere Reise führt uns weiter nach Santa Cruz – leider im strömenden Regen und abenteuerlichen Strassenzuständen (Erdrutsche, weggespülte Strassenabschnitte …)- die nächste Nacht war die Strecke sogar total gesperrt. In Santa Cruz (das Wirtschaftszentrum Boliviens – 1,5 Mio. EW) wollen wir unsere fast abgelaufene Aufenthaltsgenehmigung bei der Ausländerpolizei und für das Auto beim Zoll verlängern – zwei Tage Lauferei, sehr freundliche Beamte und viel Geduld bzw. Sitzfleisch sind nötig – vor allem beim Zoll in der riesigen Freihandelszone. Zu allem Überfluss streikt auch noch das Computersystem. Letztendlich klappt doch alles!

Während der Rallye haben wir Kontakt zu einer Servicefirma für Rallyefahrzeuge aufgenommen, bei der wir unser Auto etwas höherlegen lassen wollen. Wie sich herausstellt, gehört diese Firma dem bolivianischen Rallyechampion “Happy” Peredo, der uns sofort in die Kreise der bolivianischen Offroadfreaks einführt. Am nächsten Morgen geht es gleich zur Sache – im strömenden Regen und knöcheltiefen Schlamm wird fachmännisch geschraubt – seitdem verfügt unser Nissan vorne und hinten über mehr Federweg! Nachmittags gehen wir mit Happy & seiner Freundin zusammen Essen und werden seine Einladung, einige Tage mit ihnen zu verbringen, bei nächster Gelegenheit sicherlich annehmen.

Kurzfristig verwerfen wir unseren Plan, direkt nach La Paz zu fahren und begeben uns bei endlich strahlendem Sonnenschein in die Wärme – Richtung Dschungel und Amazonasgebiet – in die Region Beni. Nun wird es abenteuerlich – die “Strassen” sind nur noch Matsch- oder Staubpisten und die Flüsse müssen per Holzponton (Balsa) überquert werden. Nach anfänglichem Misstrauen merken wir, dass die Einheimischen ihr Handwerk verstehen!

Mit jedem Kilometer wird der Dschungel dichter und die Flora & Fauna üppiger – wir sind in den Subtropen ( ca. 14° südlich des Äquators). Zum Übernachten fragen wir auf Haciendas und  kleinen Bauernhöfen an und werden immer mit einem freundlich “claro” aufgenommen. Mit grosser Neugier wird dann der Aufbau unseres Dachzeltes verfolgt und bei einem kalten Bier aus unserem Kühlschrank (Stromversorgung gibt es hier oft nicht) wird “geplaudert”.

Bei der Abfahrt beschenken uns die Einheimischen oft  mit frischen Eiern & anderen lokalen Produkten – unglaublich nett.

Man muss sich erst einmal daran gewöhnen, dass die Tiere, die wir nur aus dem Zoo kennen, hier frei leben: einer der Farmer zeigt uns stolz das grosse präparierte Jaguarfell – vor 3 Wochen bedrohte das Tier ihn und seinen Hof – die kleinen Ferkel sahen wohl zum Anbeissen aus! An der Piste liegen Kaimane glänzend in der Sonne (teilweise bis zu 2,5 mtr. gross) – als wir halten, brodelt die Lagune – wir beobachten Dutzende ( wir stellen uns die Frage: fressen sie auch Menschen?) Auf einer Flussüberquerung beobachten wir die seltenden rosa Flussdelfine, die stundenlang vor unserer Nase auf Fischfang sind. Morgens werden wir von einem unglaublichen Vogelkonzert geweckt – der Spruch: “Im Dschungel ist die Hölle los!” stimmt wirklich. Die Geräusche sind einfach faszinierend – für uns absolut neu und spannend.

In Trinidad legen wir einen kleinen Hotelstop ein ( Reinigung von Mensch & Fahrzeug) und bunkern neuen Proviant. Für die nächsten 250 km brauchen wir zwei Tage – die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt 30 km/h – nach max. 6 Std. Fahrzeit reicht es für Mensch und Auto. Wir sind froh über das extrem robuste Fahrwerk!

Nach einer weiteren Übernachtung auf einer Hacienda erreichen wir Rurrenabaque, ein Dorf am Rande des Regenwaldes am Rio Beni. Dort können wir auf der Anlage “El Mirador” des Schweizers Jörg oberhalb des Ortes unser Lager auf einer Wiese mit tollstem Blick über den Dschungel aufstellen. Morgens beliefert uns Jörg sogar mit frischen Croissants & Brötchen vom lokalen französischen Bäcker-  das ist absoluter Luxus!

Die ersten beiden Tage aklimatisieren wir uns am Pool – dann wollen wir mit einem Einbaum eine 3-tägige Fahrt in den Dschungel unternehmen. Zufällig lernen wir den vor Ort lebenden Deutschen Tim kennen, der mit einem kleinen Team in Deutschland, geleitet von seiner Mutter, die ehrenamtliche medizinische Hilfsorganisation “Medizinische-Hilfe-Bolivien” ins Leben gerufen hat (www.mhb-ev.de)! Wir schauen uns am nächsten Tag auf der anderen Seite des Rio Beni ihre vorbildliche neue Zahnarztpraxis an und staunen über das Engagement der jungen Leute. Z.Zt. wird gerade eine Krankenstation im Dschungel aufgebaut, bei der sich viele umliegenden Dörfer schnelle professionelle Hilfe holen können.
26.06.2009
Nach einer Woche brechen wir unser Zelt ab und verlassen diesen geruhsamen Ort. Die Dschungeltour haben wir uns verkniffen, da wir die nächsten Tage sowieso mitten durch den Dschungel fahren werden. Unser Weg fuehrt uns nach Caranavi – dort verlassen wir die “Hauptstrecke” nach La Paz und biegen gen Norden ab – wie sich später herausstellt, die grösste Herausforderung an unser Auto und an uns.

Die Strecke existiert auf der Karte nur als gestrichelte Linie und führt entlang des Rio Mapiri. Nach den ersten 20 km kommt die erste Brücke – eine Betonkonstruktion neueren Datums, die an einer Nahtstelle durchzubrechen droht. Man hat sie jetzt vorsichtshalber nur für Fahrzeuge bis 2 Tonnen zugelassen und mit max. 5 km/h. Wir passen gerade durch den Eisenrahmen, der grössere Fahrzeuge an der Überfahrt hindern soll! Wir sind froh, als wir das andere Ufer erreicht haben.Ab jetzt geht es auf einem einsamen Dschungelpfad entlang des Rio – wir sehen vereinzelt Goldwäscher, grosse Cocafelder und kleine Dörfer, die nur zu Fuss über eine Hängebrücke zu erreichen sind.

Es gestaltet sich als schwierig, einen geigneten Übernachtungsplatz zu finden, da sich rechts der Fluss befindet und links der Urwald senkrecht in die Höhe wächst! Uns bleibt nur das Fussballfeld in einem kleinen Dorf (das sonntägliche Fussballturnier wird gerade beendet). Unsere mitgebrachten Bonbons schmecken den Kindern und wir verbringen einen lustigen Nachmittag mit einer kleinen Kinderschar – auch das von uns mitgebrachte Springseil stösst auf grosse Begeisterung. Selbst bei der Zubereitung des Abendessens wird genau beobachtet, was die “Gringos” so essen. Nach und nach kommen schüchtern und höflich einige Eltern vorbei – wir sind das Dorfgespräch.

Am nächsten Morgen, mit ungefähr 150 Bissen von Grasflöhen (man sieht und hört sie nicht!), die fürchterlich jucken, passieren wir auf der Strecke zum Goldwäscherdorf Mapiri 2 grosse Flüsse – eine gute Unterbodenwäsche für unser Auto. Der Weg ist gerade so breit wie das Auto – mit tausendenden Spitzkehren versehen kurven wir im ersten Gang durch den dichten Dschungel – Durchschnittsgeschwindigkeit 10 km/h. Wir passieren einige kleine wunderschön aussehende Dschungeldörfer, in denen die Cocabauern in einfachsten Verhältnissen leben.

Im Ort Santa Rosa übernachten wir in einem Hotel, das in unserem Reiseführer als das “freundliche Hotel Judith” beschrieben wird – wie sich herausstellt, die grösste Bruchbude, die wir bisher gesehen haben (eine Gefängniszelle mit 2 Holzpritschen!- ein Fall für den internationalen Gerichtshof für Menschenrechte). Da es schon dunkel ist, haben wir keine andere Wahl als zu bleiben. Am nächsten morgen geben wir daher beizeiten Gas!

Die Strecke wird immer abenteuerlicher – ausser einem einheimischen Toyota ist hier keiner mehr unterwegs. Den Grund dafür sehen wir 1 Stunde später – an einer Goldmine ist ein Malheuer passiert und hat ca. 100 mtr. oberhalb der Strasse einen Wasserfall und Erdrutsch ausgelöst. Seit einer Woche versuchen sie verzweifelt, an dieser Stelle und einge 100 mtr. weiter den Weg wieder passierbar zu machen. Sie müssen im reissenden Wasser Steine stapeln, um den ca. 1,5 mtr. tiefen umd 3 mtr. breiten Graben aufzufüllen. Wir haben grosses Glück – die Arbeiten sind soweit abgeschlossen, so dass wir nach 1 Stunde so gerade diese Stelle passieren können – die Arbeiter halten gespannt die Luft an – und wir natürlich auch!

Nach 20 Minuten trauen wir unseren Augen nicht – das gleiche Spiel steht uns noch einmal bevor! Die weitere Strecke gestaltet sich als so schwierig, dass sie selbst für unser aufgerüstetes Auto gerade zu meistern ist (tiefer Matsch, weggerutschte Wege, z.T. 1500 mtr. steil abfallend zum Rio Mapiri). Es ist höchste Konzentration angesagt – um die wunderschöne Landschaft zu bewundern, müssen wir immer mal wieder anhalten – ein Weggucken während der Fahrt hätte in einem katastrophalen Absturz enden können!

Irgendwann befinden wir uns wieder im Tal am Rio und ergreifen sofort die Chance, uns einen schönen Übernachtungsplatz zu suchen, den wir inmitten von Paprika- und Tomatenfeldern finden. Auch hier nehmen wir wieder Kontakt mit der Dorfbevölkerung auf, die uns am nächsten Morgen mit frischem Gemüse versorgt! Wir sind immer wieder über die Freundlichkeit der Menschen überrascht – wir fühlen uns gerade in den Dörfern sehr sicher aufgehoben.

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Der letzte Abschnitt dieser Offroadstrecke erweist sich als wirklich haarsträubend – der Weg wird immer schmaler, der Abgrund ruft! Hin und wieder haben wir sogar Gegenverkehr, was auf beiden Seiten zu schweissnassen Händen führt. Wir bewegen uns auf über 4000 mtr. Höhe und werden teilweise von den Wolken eingehüllt.

Für die letzten Kilometer brauchen wir noch einmal einen ganzen Fahrtag und erreichen erleichtert das Bergdorf Sorata. Es ist das Bergsteiger- und Trekkingzentrum Boliviens, da es umrahmt wird von wunderschönen Bergen, vor allem dem schneebedeckten Illampu (6368 mtr.) und dem Ancohuma (6427 mtr.).

Da wir uns permanent auf 2500 mtr. Höhe bewegen, haben wir uns aklimatisiert und wollen uns daher den auf 3800mtr.  gelegenen Titicacasee ansehen. Er ist fünf mal so gross ist wie der Bodensee!

Wir setzen mit einem wackeligen Ponton auf die Halbinsel über, auf der die Copacabana liegt. Es ist ein wunderschöner Strand (nicht zu verwechseln mit Brasilien!) mit dem gleichnamigen Incadorf (leider mittlerweile sehr touristisch) – nur badet hier keiner in dem 10 Grad kalten Wasser. Die Beleuchtung und Wasserfarbe erinnert uns stark an die griechischen Inseln – die berühmten Schilfinseln  werden wir nächstes Jahr von Peru aus besuchen. Die bekannten Schilfboote gibt es hier leider kaum noch – es wird nur noch mit Holzkähnen gefischt & gesegelt.

Am nächsten Tag fahren wir auf einer sehr guten Teerstrasse (Auto & Crew atmen hörbar auf!) in 4 Stunden nach La Paz und haben das Glück, dass sich gerade eine grössere Strassenblockade (Bloqueo) aufgelöst hat – die Indios streiken, weil der Fahrpreis der Stadtbusse von 2,00 Bs auf 2,50 Bs (1,00 € = 10 BS)erhöht werden soll. So etwas kann teilweise mehrere Tage andauern und Tätlichkeiten wie Reifen zerstechen, Autos demolieren … gehören mit dazu.

Der Anblick von “El Alto”, der auf 3800 mtr. gelegenen Oberstadt hinunter auf das Zentrum von La Paz ist beindruckend. Umgeben von Bergen liegt das Zentrum auf ca. 3200 mtr. und ist daher wesentlich wärmer und windgeschützter.

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Wir haben die Adresse des Hotels “Oberländer” bekommen, das unter allen Offroadern gut bekannt ist. 20 km südöstlich im “Valle de la Luna”  kann man in ihrem sehr gut abgesicherten Innenhof campen.  Wir müssen dafür leider ganz La Paz durchqueren und nehmen uns nach 2 Std. entnervt einen Taxifahrer, der uns bis vor die Haustür bringt. Das Hotel wird von einem Schweizer geführt, so dass wir abends Rösti und andere lokale Spezialitäten geniessen und den Kamin sehr zu schätzen wissen. Es stehen zu jeder Jahreszeit Reisefahrzeuge  im Hof, so dass Erfahrungen ausgetauscht werden und viele hier auch bei dem Schweizer Mechaniker Ernesto in der Regel Fahrwerkskomponenten reparieren lassen. Die bolivianischen “Strassen” fordern gnadenlos ihr Tribut!

La Paz ist eine schöne, interessante und sehr saubere Stadt (zumindestens die Unterstadt) mit ihren restaurierten Kolonialgebäuden, Kopfsteinpflastergassen und Marktständen – wir sind erstaunt und fasziniert. Der “Hexenmarkt”, auf dem noch der Shamanenkult aktiv gepflegt wird, werden Glücksbringer wie zum Beispiel getrocknete Lamaföten und noch allerlei für uns Unbekanntes verkauft. Ein Glücksbringer kann ja nie schaden!

Natürlich wollen wir auch die “Todesstrecke” (Camino de la Muerte) mit dem Mountainbike befahren- ein Muss, wenn man in La Paz ist. Wir buchen diese Tagestour mit der Agentur “Madness”, die richtig gute Downhillbikes (Rocky Mountain) zur Verfügung stellt! Wir werden komplett eingekleidet inkl. Integralhelm und Motorradbrille, so dass wir unser eigenes Equipment gar nicht erst auspacken! Nach einer Stunde Busfahrt befinden wir uns auf dem La Cumbre (4640 mtr.) und besteigen unsere speziell auf unsere Grösse angepassten Bikes. In der Obhut zweier Guides und deren sehr ausführlichen Sicherheitsinstruktionen geht es rasant bergab – auf einer zuerst ca. 20 km Serpentinenasfaltstrasse mit einem 5 km langen Anstieg in 3600 mtr. Höhe (davon hat uns vorher keiner was erzählt – unglaublich anstrengend und die Hälfte der Gruppe lässt sich lieber hochfahren!), bis wir die “alte Todesstrecke” erreichen.

Der Hauptverkehr verläuft auf der neuen Strecke, die erst seit einiger Zeit fertiggestellt ist. Unser Ziel liegt 64 km weiter auf 1295 mtr. bei Coroico – also 3345 Höhenmeter, die wir auf engster Schotterpiste absolvieren. Die Landschaft ist grandios – leider müssen wir uns voll auf die Piste konzentrieren, um nicht ein weiteres Kreuz am Wegesrand zu produzieren. Der letzte Mountainbiker, ein 23jähriger Engländer, stürzte erst im Mai über die Kante! Wir erreichen nach einigen Stunden Abenteuer verstaubt unser Ziel, das kleine Dorf Coroico in den Yungas (warmes Dschungelgebiet). In einem netten Hotel mit beindruckender Aussicht wird geduscht und gespeist, bevor es mit dem Kleinbus auf die 3,5stündige Rücktour geht.

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Wir wollen noch einmal die alte Todesstrecke geniessen und damit die Rücktour nicht ganz so langweilig wird, haben wir an einer der engsten Stellen auch noch einen platten Vorderradreifen. Nach 12 Stunden auf den Beinen erreichen wir müde und geschafft La Paz – ein Lob der Agentur und den Guides!

Z.Zt. befindet sich unser Auto in einer hochmodernen Werkstatt – es werden einige Kleinigkeiten am Fahrwerk unter der Aufsicht von Hans gerichtet und die Spur neu eingestellt. In der Zwischenzeit geniessen wir die guten Sushirestaurants und werden uns vorraussichtlich am Sonntag, den 28.06. via obige “Todesstrecke” über einen kleinen Offroadpfad (ca.400 km) Richtung Cochabamba bewegen. So langsam müssen wir Buenos Aires ansteuern, wo wir in 4 Wochen unser Auto für 2 Monate unterstellen werden.


30.08.2009

Der Reihe nach: der Offroadpfad ab Coroico über Chulumani gen Süden entpuppt sich als doch recht ruppige steinige Piste mit einer Flussdurchquerung, die es in sich hat. In der starken Strömung kann ich mich mit der Kamera um den Hals kaum halten und Hans fährt begeistert hin und her, um mich aufs andere Ufer zu holen – das gibt ein paar gute Fotos!

Bei Chulumani relaxen wir einige Tage (meine neue Hängematte wird gleich genutzt!) mitten in den Cocafeldern auf der Hacienda Apa Apa und geniessen die Natur und den Ausblick!

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In Caxata verlassen wir zeitraubende und materialzermürbende Piste und wollen zügig nach Süden. Die Hauptverbindungsstrecke von Cochabamba nach Santa Cruz ist entgegen unserer Erwartung sehr gefährlich, denn die LKW’s überholen rücksichtslos und wir sehen haarsträubende Szenen und Unfälle. Wir machen drei Kreuze, als wir in Tarija ankommen, der schönen und verschlafenen Weingegend Boliviens, was wir auch noch einmal ausnutzen und an der Plaza geniessen.

Wir überqueren die Grenze nach Argentinien, wo uns die etwas muffeligen Zollbeamten trotz viel Zuredens statt 8 Monate Aufenthaltsgenehmigung für das Auto nur 3 Monate geben- für uns eindeutig zu wenig, denn wir wollen ja einige Monate nach Deutschland. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als einen Bogen über Uruguay zu fahren, um wieder nach Argentinien einzureisen (ein neuer Versuch) – über die Fährverbindung Colonia – B.Aires. Dort werden wir von professionellen Zollbeamten in 15 Minuten abgefertigt und bekommen die 8 Monate für unser Auto – dafür hat sich der Umweg von 800 km gelohnt!

Jetzt heisst es, auf zur Laguna Los Lobos (120 km sw von B.A.), wo wir uns bei Nieselregen und Graupelschauern lieber ein Ferienhaus mieten, mit Blick auf den See und Scharen von rosa Flamingos. In den 3 Tagen wintern wir unser Auto ein (Polieren, Ölwechsel…) und stellen es in die trockene bewachte Halle – hervorragend und sicher! Unsere Schweizer Freunde Bruno & Renate leisten uns mit ihrem LKW Gesellschaft und wir verbringen noch einige lustige Abende zusammen – es wird ordentlich scharf thailändisch gekocht & im Kamin gegrillt – das ist der argentinische Winter!

Ab nach Deutschland:

Im Internet haben wir klammheimlich ein neues Projekt in Angriff genommen, das wir in Deutschland in acht Wochen abwickeln wollen (ob das klappt?). Ein Toyota HZJ mit Heizung und Porta Potti(kleines Chemieklo) muss her, sonst sehen wir schwarz für unseren Patagonientrip im Oktober. In einer  Woche  und 2000 km durch Europa (für uns mittlerweile ein Klacks) sind wir bis vor die Tore Wiens gelangt, haben dabei diverse Toyos besichtigt (wir sind jetzt “Spezialisten” von Aufbauten, Umbauten, Kabinen,Turbos,Sidepipes…) und finden “unseren” HZJ 78 in Berchtesgaden. Bei den Aus- und Umbauspezialisten Desert-Tec werden wir netterweise in den vollgebuchten Arbeitsplan geschoben und 3 Wochen später – genau heute ist das Auto fertig ausgebaut und voll bewohnbar!!

Wir sind von unserem neuen Luxusvehikel begeistert – eine heisse Dusche besitzen wir jetzt mit integriertem 100 ltr. Wassertank. Wir können abends im Warmen sitzen und kochen (das war das Hauptproblem unseres Dachzeltkonzeptes!) und im strömenden Regen unser Bett bauen, ohne vor die Tür zu müssen! Echt geil!! Wir sind gewappnet für Faktoren, die uns im Süden Patagoniens erwarten werden!

Der HZJ wird per Container im September nach Buenos Aires verschifft und unser roter Nissan kommt zurück in die Türkei bzw.  Europa, wo wir ihn perfekt nutzen werden. Der Trend geht eben zu einem Offroad Sommer- und einem Offroad  Winterauto! Ist doch klar,oder!

Demnächst mehr vom HZJ Ausbau (Hans voll in seinem Element)

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und wir können es kaum erwarten, im Oktober zum Walewatching im rauhen patagonischen Frühjahr am Strand von Valdez zu stehen und die Webasto Heizung einzuschalten! Vielleicht schaffen wir es dann ja auch zum Torres del Paine und dem Perito Moreno Glacier – mit dieser Ausrüstung sicherlich!